Elanus, Pajero und andere Missverständnisse

Achtung SATIRE!

»Deine älteste Tochter hat bald Geburtstag« sagte vor zwei Jahren meine Frau zu mir, als ich nach einem anstrengen Tag auf der Couch lag und versuchte mich endlich zu entspannen.
»Ok… a… ha…« war das Einzige, was aus mir kam, um meine wohlverdiente Ruhe endgültig genießen zu können.
»Sie wird fünfzehn« ließ meine Frau nicht locker, um den Kampf gegen den lauten Fernsehen zu gewinnen.
»Sollten wir dieser kubanischen Tradition folgen? Wie heißt sie noch mal?«, zwei Fragen von meiner Frau, die mein völliges Augenmerk vom Fernsehen entrissen und meinen Tunnelblick auf sie richteten.

»Was? Quinceañera?! Hier… in Deutschland?« wollte ich plötzlich wissen.
»Ja« ergänzte sie ihre Aussage.
»Mit allem drum und dran?«, wollte ich auf Nummer sicher gehen
»Ja, mit Fotografen, mit Tänzen, Kleidern und Co…«…

Für diejenigen, die gar nicht wissen, wovon die Rede ist. Hier ein kleiner Crashkurs über das Thema: Quinceañera: Auf Kuba, wenn ein Mädchen 15 Jahre alt wird, feiern wir dessen Übergang von Kind zur Frau. Die „Prinzessin“ wird der Gesellschaft offiziell als werdende Frau vorgestellt. Es handelt sich um ein Ereignis, das wichtiger als die eigene Hochzeit ist. Für dieses Fest werden Kleider, Locations und teure Autos gemietet. Eine große Veranstaltung mit vielen Gästen, Musik, Ruhm und guter Stimmung.

Allerdings leben viele Kubaner in ärmeren Verhältnissen, und deswegen wird seit der Geburt eines weiblichen Kindes für diese Feier monatlich einen bestimmten Betrag angespart (Hauptsache ist der Bua g’sund).

Quinceañera aus Kuba
Meine Nichte als Quinceañera vor zwei Jahren.

Quinceañera aus Kuba Quinceañera aus Kuba

Spaß beiseite: Natürlich möchte jedes Elternteil seiner Tochter ein würdiges Fest schenken. Eine Zelebration, die in ihrer Erinnerung dauerhaft über Jahre bleibt. Vor allem in den Köpfen der Mündlichen-Klatsch-Magazine-Der-Nachbarn im eigenen Wohnviertel. Und ich, als guter, alter Kubaner, der viel von Beständigkeit hält, wollte diese Tradition beibehalten und dachte mir… ein Buch tut es auch.

Ohne zu zögern rannte ich zu meiner Tochter. Damit sie keinen Verdacht schöpfte, dass ich auf der Suche nach ihrem Geschenk war, fragte ich sie ganz unauffällig welches Buch in den nächsten Monate unbedingt lesen wollte. Sie überlegte und sagte mir…
»Irgendwas Spannendes… An ein Exemplar habe ich bereits gedacht aber der Name fällt mir nicht mehr ein. Ich schicke dir die ISBN-Nummer später per Email…«
»Hmm… auf die Email kann ich lang‘ warten«, überlegte ich.
»Ok«, antwortete ich, um mir endlich meine Serie fertig anschauen zu können.

Am nächsten Tag erhielt ich tatsächlich in der früh eine Email mit einem Amazon-Link. Als ich den Titel las, dachte ich mir »Ich werd‘ nicht mehr: „Elanus„, meinte meine Tochter das ernst?
Ich kann nicht erklären warum, aber an diesem Zeitpunkt musste ich einfach an die Ausscheidungsöffnung des gastrointestinalen des Enddarms denken. Vielleicht lag es dran, dass es so früh war und ich mein inneres Spanisch-Deutsch-Wörterbuch noch nicht auf Deutsch umgestellt hatte:
El * anus

Elanus - Ursula Poznanski
Elanus von Ursula Poznanski

Ich habe zwar dieses Werk noch nicht gelesen, aber bereits in die Liste der Bücher, die ich bald lesen werde, aufgenommen. Meine Tochter berichtete mir davon. In dem spannenden Buch von der Österreicherin Spiegel-Bestseller-Autorin Ursula Poznanski aus dem Löwen-Verlag  geht es um den siebzehnjährigen Jona. Ein sehr intelligenter Junge, der sehr gut darin ist, sich rasch bei den Anderen unbeliebt zu machen. Dank seiner Sozialphobie entwickelt er eine eigene Art mit Ablehnung umzugehen: Er lässt seine Drohne auf seine „Neider“ los, um mit Hilfe der Telefonnummer zu suchen, orten und schließlich virtuell anzugreifen. Doch bald merkt Jona, dass er auch in großer Gefahr ist. Diese Lektüre ist wirklich empfehlenswert.

Während sie davon berichtete, spielte ich mit meinem Gedanke weiter und träumte vor mich hin. In meiner Fantasie rief ich deutsche Worte herbei, die für eine Person mit Spanisch als Muttersprache sehr verwirrend sein könnten:
Diese Worte mussten leider zensiert werden!

Einige konnten die Zensur doch entkommen: Wie der Name dieser 5-türigen, leitungsfähigen, japanischen, All-Rad-Ikone: PAJERO.

Quelle: www.mitsubishi-motors.de/Pajero-5-Tuerer/
Quelle: www.mitsubishi-motors.de/Pajero-5-Tuerer/

Was soll damit sein?
Tja, ich weiß nicht, ob ich stets in einem Auto sitzen möchte, dessen Namen mich ständig an die einsamen Minuten auf dem Klo erinnert, und was wir in diesen Augenblicken mit uns selbst anfangen  könnten.

Und das ist das Schönste an Sprachen: Die sprengen Barrieren, fördern die Fantasie, befreien Gedanken.

Und…? Welches Buch ließt du als Nächstes?

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Unter dem Mantel einer Lüge…

Fertig mit den Nerven und mit einer Recherche in der Bibliothek, wo ich den ganzen mühseligen Morgen verbracht habe, entschied ich mich für einen spannenden Spaziergang in der Gegend. Und so, ein Stück des noch verbliebenen Tages zu genießen. Das hatte ich nötig, nachdem ich fünf Bücher ausgeliehen und durchstöbert hatte. Auf der Suche nach ein wenig Wissensmaterial um mich für eine am Montag stehende Geschichtsprüfung in der Uni zu bewaffnen.

Ich verließ die kolossale Bibliothek voller Lektüren, Akten und Schriften und ging die Straße entlang mit einer Tonne von Gedanken über Kriege und Anekdoten aus der Vergangenheit. Das Wetter war angenehmen. Die Abwesenheit von Menschen auf der Straße half meinen gewünschten Gelassenheitspegel zu erreichen.

Aus der Entfernung sah ich zwei Personen, die sich unterhielten und beschloss in deren Richtung zu gehen. Plötzlich merkte ich, dass einer der beiden ein guter Freund von mir war. Ich eilte, und freute mich auf das Wiedersehen. Fast in seiner Nähe wollte ich mit dem Ritual einer freundlichen Begrüßung beginnen:

»Ha, ha. Schau dir diesen Neger an.« sagte der Ansprechpartner meines Bekannten… auf English. Seine Worte haben mich geschockt. Er kannte mich nicht, sonst hätte er etwas wichtiges gewusst. Am Anfang verstand ich seine Absichten nicht. Aber als ich seine Beleidigungen in der fremden Sprache hörte, verstand ich, dass er es nicht anders konnte. Er hatte es nicht anders gelernt. Denn er war ein Rassist. Einer von vielen auf Kuba, die sich unter dem feigen Mantel der »Wir sind alle Brüder und Schwestern« und »In Kuba haben wir kein Rassismus«- Lügen gern verstecken.

Während seinem diskriminierenden Monolog lachte ich leise.
»Und jetzt lacht er sogar, als ob dieses schwarze, hässliche Tier uns verstehen würde« ging er in seinem englischen Jargon fort. Mein Bekannte fing ebenfalls an zu lachen, denn er kannte unser Geheimnis.
»What are you laughin‘ at?« wollte der Fremde unbedingt wissen. Als er merkte, dass seine verletzende Worte das Gegenteil bewirkten. Er ahnte etwas, konnte es aber nicht wissen. Woher denn, er kannte mich nicht und so sollte es auch – nach seinem Auftritt – bleiben.

Mein Freund konnte sich nicht mehr zurückhalten und beschloss seinen Gesprächpartner nicht länger auf die Folter zu spannen.
»Weiß du…« sagte mein Freund ebenfalls auf Englisch »… diese Person, die du beleidigst«, dann schaute er zu mir »… und für ein dummes Tier hältst, kann vier Sprachen. Und zufälligerweise ist eine davon Englisch«

Der Fremde schaute mich ganz kurz an und sah für den Bruchteil einer Sekunde mein breites Lächeln. Ich merkte die Angst in seinen Augen. Diese Angst ertappt zu werden, wenn der Mantel einer Lüge vom Leib gerissen wird. Auf einmal entblößt zu sein. Er sagte kein Wort. Keine Entschuldigung. Hielt nicht einmal für nötig die Aussage – die mein Freund ihm gerade aufgetischt hatte – zu überprüfen. Kein Abschied. Er ging die Straße hoch. Dieselbe Straße, die mich zu meinem Freund geführt hat. Und rannte so schnell er konnte. Als ob er ganz nackt gewesen wäre, ohne Mantel, ohne Versteck.